<font size="1" color="#cc3a1e">Beispiel: Uhrzeit anzeigen</font>

18.11.2016

USE oder EU ?

Dr. Anna Felizitas Grazi


AFG: Mein heutiger Gesprächspartner ist der in der Schweiz lebende Kulturphilosoph K.C. Broom. Ich spreche mit ihm über die Zukunft Europas nach Brexit und Trump. Er hat schon früh die Chancen von Donald Trump richtig eingeschätzt. K.C. Broom vertritt die Meinung, dass der Kapitalismus die Menschheit überwinden wird und nicht die Menschheit den Kapitalismus und schon gar nicht der Sozialismus. Für K.C. Broom hat die Aufklärung, angesichts einer nach wie vor mehrheitlich dem Aberglauben und Irrationalen verfallenen Weltbevölkerung, versagt. Sie habe mit der Globalisierung und der Rationalisierung durch Technik und Wissenschaft nicht Schritt gehalten.

Herr Broom, kam der Sieg Trumps nicht trotzdem etwas überraschend für Sie?

KCB: Mein Buch, “das Ganze ist das Dumme“, war eine satirische Antwort auf Hegel und Adorno und auf Fukuyama, aber nicht auf Donald Trump. Trump ist vielleicht die Antwort auf meine Satire. Als der Filmemacher Michael Moore im Juli 2016 den Teufel an die Wand malte, war für mich das heutige Ereignis keine Utopie mehr. Er kennt die Amerikaner wie fast kein anderer und seine Filme sind Dokumentarfilme, keine Satiren. Aber letzten Endes gibt es die sogenannte Spaltung der Gesellschaft seit ich denken kann. Sie basiert in der Tat auf Verletzungen und wer nun denkt, man könne mit pastoralen Phrasen das Bashing, ob von oben oder von unten, einfach aus der Welt schaffen, der steht auf verlorenem Posten.

AFG: Sie vermeiden die politische Ausrichtung links rechts sehe ich das richtig?

KCB: Ja das sehen Sie richtig. Am Anfang waren die Adjektive gut und böse und oben und unten. Das ist noch heute so und in einer Matrix austauschbar. So kann oben wie unten gut oder böse sein. Verallgemeinerung und Simplifikation gehört heute zur politischen Rhetorik. Links und rechts ist als Sitzordnung der französischen Nationalversammlung entstanden. Die linke Seite „le côté gauche“ kennzeichnete eine revolutionäre, republikanische Stossrichtung, während „le côté droit“ mehr zurückhaltende, der Monarchie freundlich gesinnte Vorstellungen vertrat. Bald wurden die räumlichen Adjektive „links“ und „rechts“ substantiviert und man sprach nun einfach von „la gauche“ und „la droite“. Innerhalb dieser Lager bildeten sich wiederum sehr rasch Flügelgruppen: „l’extrémité gauche“ und „l’extrémité droite“. Durch das Verschwinden der Monarchien, respektive der göttlichen Ordnung des ancien Régimes, teilt sich das Bürgertum spitz gesagt in Bürgertum und Proletariat auf. Heute erleben wir durch das Verschwinden des klassischen Proletariats eine weitere Verschiebung. Ein eher linksliberales Bildungsbürgertum und eine kapitalorientierte Mitte bilden das Establishment und ein rechtslastiges Wutbürgertum, angeführt und verführt durch herausragende Grosskapitalisten setzt sich rechts aussen ab. Im Niemandsland stehen die Flüchtlinge und werden politisch instrumentalisiert. Horizontale ideologische Verschiebungen ändern nichts an der vertikalen Achse. Diese deklariert nur, wer hat die Macht, wer hat das Kapital, wer ist reich, wer ist arm usw. Und um dieser Vertikalen etwas Farbe zu geben, verweise ich auf die Habitus-Theorie von Bourdieu. Ich selber bin darin ein bekennender Wurstfresser und zuweilen ein eher linker Wutbürger, dagegen kämpfe ich täglich. Wenn nun linke Parteien davon träumen, in das alte Schema des Klassenkampfes zurück zu finden, dann stehen sie auf verlorenem Posten. Die Sozialdemokratie hat es sträflich versäumt aufzuzeigen, dass z.B. viele Kleinunternehmer sich von sogenannt linken Themen wie mehr Lohn und mehr Ferien real existentiell angegriffen fühlen. Dazu gehören z.B. auch die Bauern. Diese oft familiär betriebenen Wirtschaftszweige bedienen ein grosses Netzwerk, das in den Städten zu wenig bis gar nicht wahrgenommen wird. Wenn sich dann Stadtmenschen auch noch in die Agrartechniken einbringen und den Bauern sagen, was sie in Sachen nachhaltiger Landwirtschaft zu tun haben, kann man sich denken wie das da ankommt. Politik muss da wirken, wo ihre Themen entstehen. Oben sind nach meinem Schema die Agrarchemie und die Pharmaindustrie. Unten sind die Kranken, und die Giftfresser. Dazwischen die Bauern, die Produzenten. Das kann man einfach belegen. Die Schwierigkeit liegt aber da, wo ein realer Strompreis oder nachhaltige giftfreie Lebensmittel etc. für den Durchschnittsbürger zu teuer sind. In dieser pragmatischen Lebenslüge ist dann der Hass auf die Besserwisser umso grösser und gerade deshalb ist die Lüge heute eine so attraktive Wahrheit. Solche politischen Botschaften haben vielleicht Wirkung, wenn sie durch glaubwürdige, vitale Grossmütter und Grossväter in die Runde gebracht werden, die selber den Ertrag nicht mehr einfahren können. Je unverdächtiger sie ideologisch sind, umso mehr Chancen hat ihr Werben. Linksgrüne Jungpolitiker oder abgehobene Uniprofessoren können nur bei denen punkten, die eh schon im Boot sind. Die Linke ist leider zu einer macht- und hilflosen Bewegung verkommen deren links aussen Chaoten sich selber längst auf das Credo Fensterscherben bringen Glück, ergo auf metaphysisches Glatteis begeben haben. Je grösser die häuslichen Existenzsorgen sind oder es zu drohen werden, umso grösser wird die Abneigung gegen Umweltthemen, die sich draussen, weit weg von den inneren Sorgen abspielen. Wenn wir von häuslichen Sorgen sprechen, so sind diese oft bei Tage besehen auf hohem Niveau angesiedelt. Noch lange sprechen wir nicht von richtiger Armut. Richtig arme Leute verkriechen sich wie kranke Katzen und haben keine Stimme. Nein wir haben es mit Existenzsorgen zu tun, die etwa so lauten: Die Raten für den Leasingvertrag meines Offroaders bringen mich fast um, und dann sprechen diese grünen Idioten von Abgasen und CO2 Ausstoss. Damit kann ich auch meine Ferien nicht berappen. - Wer es sich leisten kann (so denken diese Leute) auf sozialen Missständen oder Umweltproblemen herumzureiten, dem geht es offenbar selber noch zu gut, es entstehen zwar irrationale, jedoch psychologisch nachvollziehbare Ressentiments. Und wenn sich dann die Linke noch für Minderheiten und Flüchtlinge stark macht, was im Grunde ein Gebot der Stunde, insbesondere auch für Christenmenschen sein sollte, heisst es, wieso nicht wir zuerst? Oder drüben wie gehabt: Why not USA first? Damals waren es die Juden, heute die Muslime. Die Homosexuellen waren schon damals im Fokus, landeten im KZ. Wir erleben schmerzlich, dass Religion oft eher trennt als verbindet. Im Bereich der Umwelt erleben wir ebenfalls einen Glaubenskrieg. Die einen leugnen den Klimawandel, andere instrumentalisieren ihn gegen CO2 Ausstoss, wieder andere instrumentalisieren letzteren pro Kernenergie. Man kann sich vorstellen, dass bei den vorher angesprochenen Sorgen niemand auf beides verzichten will, weder auf das Herumfahren, noch auf den Strom. Das Verfalldatum von Ereignissen wie Fukushima ist umso kürzer, je weiter man vom Ereignis entfernt ist. Die Lobbys drohen den bereits Abgehängten mit noch mehr Abstieg und ihre Geldgeber werden immer reicher. Der Mittelstand wird gezielt so hoch deklariert, dass die Schwelle für viele kaum noch zu erreichen ist und das will man nicht zugeben und stimmt rechts aussen um die Schande des Abstiegs zu verblenden. Dagegen hat eine linksgrüne Politik heute leider keine Chance. Die Unternehmer punkten, da ihnen die Produktionsmittel gehören, wenn auch kaum noch etwas Vernünftiges produziert wird. Was oft vergessen wird ist die Tatsache, dass in unseren Altersvorsorgungen auch grosse Aktienpakete stecken. Gerade der Mittelstand ist eingebunden in dieses soziale Kapital. Man ist im Grunde Investor. Die Angst vor Rentenklau steht in direktem Zusammenhang mit der Wirtschaft. Aus Angst, den Ast abzusägen auf dem man sitzt, legt man die Säge zur Seite. Wachstum und Kaufrausch hat längst die echten Drogen überflügelt und was Entzug heisst kann sich jeder ausmalen, der schon mal Werbefernsehen geschaut hat.

AFG: Ist die Demokratie in Gefahr?

K.C. Broom: Wenn man unter Demokratie so etwas wie ein System versteht, das auch Minderheiten eine reelle Chance einräumt, dann denke ich ist sie in Gefahr. Wer unter Demokratie ein System versteht, in dem die Mehrheit die Politik bestimmt, der verwechselt Demokratie mit der Macht der Mehrheit. Die sogenannte Volksdemokratie wird heute insbesondere von der Rechten überstrapaziert. In der Schweiz formiert sich der Bundesrat nach der sogenannten Zauberformel. Man muss demnach unterscheiden zwischen Demokratie und Diktatur der Mehrheit. In letzteren machen oft die Erdogans, die Katschinskis und die Orbans und nicht zu vergessen die Hitlers das Rennen. Hitler wurde zwar nicht direkt vom deutschen Volk gewählt, jedoch waren der Druck der starken NSDAP sowie die Angst vor den Roten so gross, dass das Zentrum, das Establishment ihn als das kleinere Übel an die Macht portierte. Hitler setzte vor den Antikapitalismus den Antisemitismus. Ohne Ersatzfeind entsteht ein Vakuum in Richtung Reichtum und das bedeutet Revolution.

AFG: Man sagt, die Amerikaner haben Trump als Abrechnung mit dem Establishment gewählt, dessen Rezepte offenbar nicht mehr glaubwürdig genug waren?

KCB: Nur bedingt, es war eher eine Abrechnung mit den Erfindern des Establishments. Fast in jedem Interview mit amerikanischen Wutbürgern hat man gehört, Hilary ist zu links und korrupt und Trump zeigt es dem Establishment, er ist unser Mann. Der Begriff Establishment stammt aus den späten 60er Jahren. Geprägt haben ihn die linken 68er und sie hatten damit die herrschenden Klassen und ihre zum Teil antiquierten Vorstellungen im Visier. 68 war eine Wohlstandsrevolution, die, wenn auch nicht gerade kapitalismusfreundlich, mitnichten auf die Früchte des Kapitalismus verzichten wollte. Zentral war ihr multikulturelles Engagement und eine aufkommende Globalisierungskritik insbesondere gegen die Multis gerichtet, welche sich nationalen Gesetzen durch Dislokation entziehen konnten. In den USA geht die Bürgerrechtsbewegung der Schwarzen Hand in Hand mit der 68er Bewegung. Für viele Weisse, die unter sich noch eine Klasse wusste, brach dadurch eine Etage im sozialen Gefüge ein. Der Feminismus tat das seine, der weisse Konservative rutschte an die Seite seiner Frau, also ab. Damals standen dem einzelnen Beweger noch keine sozialen Medien zur Verfügung. Globale Kommunikation fand in der Folk- und Rockmusik ein Medium, welches erstmal in der Geschichte so etwas wie ein globales WIR Gefühl transportierte. Als wäre es die Ironie des Schicksals, dem Wahlsieg Trumps ging der Nobelpreis an Bob Dylan voraus. Die Bewegung traf den Nerv der Zeit und stach tief ins Herz der christlichen Zivilisation. Indem viele 68er die säkularen ja atheistischen Tendenzen des Marxismus teilten und die sexuelle Befreiung vorantrieben, waren sie für Bibelfeste des Teufels. Antibabypille und Paragraf 218 und Schwulenbewegung gehörten fortan zum Kampf-Repertoire der Konservativen. Die Linke, und da liegt der Unterschied, denkt historisch international. Ihre Globalisierungskritiker sehen das Elend der Ausbeutung in der Peripherie um es mit Immanuel Wallerstein zu sagen, Dislokation der Arbeitsplätze war ein linkes Thema der Gewerkschaften. Linker Internationalismus war gegen, der rechte pro Ausbeutung angelegt. Die Menschenrechte werden kritiklos ausgehebelt, wenn das eigene Programm in Gefahr ist. Ökonomisch spaltet sich die Rechte in Profiteure und Abgehängte. Trump ist es kongenial gelungen, diese Themen aufzunehmen und das Mischmasch rechts aussen anzusiedeln. Die halblinken Demokraten haben es zu lange versäumt sich vor Ort in die Niederungen zu begeben und die Sprache der Leute zu sprechen, das zeigen die Teilerfolge von Bernie Sanders. In der Vorausscheidung der Demokraten wurde ein Graben zwischen Clinton und Sanders aufgerissen, der Trump in die Hand gespielt hat und der nicht mehr geschlossen werden konnte. Es genügt nicht, wenn man am Vorabend einer Wahl mit dem Fähnchen winkt. Anstelle der spektakulären Reden an der Wallstreet hätte Hillary schon früh alles daran setzen müssen, die blaue Wand zu stärken und dem Rustbelt eine plausible Zukunftsperspektive anzubieten. Doch hat die überhaupt jemand? Diese Jobs kommen nicht zurück, die fetten 50er Jahre des Aufstiegs sind passé, der “white Worker“ wird zusehends durch Roboter ersetzt, er ist ein Auslaufmodell und die Digitalisierung wird noch ganz andere Jobs ausradieren. Um die wahren Gründe des Abstiegs zu vertuschen, bieten sich die Fremden als Sündenböcke an. In den USA die Mexikaner.

Wenn die sozialen Auffangnetze nicht mehr durch die eigenen Bürger bezahlt werden können, müsste man die Ersatzarbeiter, die Roboter und Computer besteuern und in der Tat Importzölle erheben, oder aber die Joblooser werden zu Maschinenstürmern, mit der Gefahr im Nacken, dass sie sich den automatisierten Lebensnerv durchtrennen. Das geht alles in Richtung Protektionismus und unmittelbar in die Nähe von Trumpschen Phantasien. Spruchreif werden diese erst, wenn der Leidensdruck gross genug wird und der nächste Jobtsunami dem System den Rest gibt. Der Mythos Arbeit ist dann ein Auslaufmodell, ausgenommen die Kleinunternehmer könnte man meinen, die Handwerker, die Sanitäre oder Bauern werden doch noch gebraucht. Wer aber soll ihnen diese Arbeit noch abkaufen ohne Zahlungsmittel? Eines kann man laut sagen, die Produktionsmittel zu Marxens Zeiten liessen wenigstens noch eine Ausbeutung des an der Maschine stehenden oder sitzenden Arbeitnehmers zu. Diese Ausbeutungsmöglichkeiten fallen nun weg. Shit happens.

AFG: Hat man das nicht schon bei der ersten Welle der Computerisierung gesagt und die Folge war, man konnte zwar mehr in kurzer Zeit erledigen, aber weniger Leute waren in den Büros selten anzutreffen, im Gegenteil, man hat durch die neuen Möglichkeiten doch auch neue Bedürfnisse geschaffen oder?

KCB: Das gilt für die Bereiche die Sie ansprechen schon bald nicht mehr. Bis anhin hat man Handarbeit wegrationalisiert. In den Administrationen entstanden mehr Bedürfnisse wie sie richtig sagen. Diese gehen aber einher mit den sogenannten Wasserköpfen der Unternehmen. Zudem wird der Mensch zu Mensch Kontakt zusehends automatisiert. Noch heute weigert sich Wikipedia meine Definition des Begriffs Social Firewall zu akzeptieren. Ich bemängelte, dass zunehmend ein persönlicher Kontakt von Mensch zu Mensch aus Ressourcengründen vernachlässigt werde und Maschinen, sogenannte Avatare, den Kunden in endlose Schlaufen verwickle. Aber er wird in Zukunft zu einem Kampfbegriff mutieren wie die Begriffe Jobowner, Jobholder und Joblooser.

AFG: Die DDR hat eine Mauer gegen die Republikflucht errichtet, die Rechten bauen Mauern gegen den Zustrom von Flüchtlingen. Das ist auch so eine Umkehrung, Mauer ist nicht gleich Mauer.

KCB: Die Mauer hat natürlich eine sehr alte Tradition. Man denkt schnell an die chinesische Mauer, oder an den Nordwall der Römer gegen die Germanen, die alten Stadtmauern oder an das Gefängnis und sitzt dabei im Schaukelstuhl im eigenen Garten, um den herum ein Gartenzaun gezogen wurde. Der erste Zaun des Menschen ist der schützende Mutterleib. Das Trauma des Menschen ist die Geburt. Man nennt in der Psychologie den unbewussten Wunsch des Menschen „zurück in den Mutterleib“, die Regression. Ich denke, dass die Regression ein Phänomen ist, das insbesondere in Wohlstandsstaaten auftritt, indem der Mittelstand und die Unterschicht zunehmend zu kurz kommen. Ein Phänomen also, das man politisch leider leicht ausbeuten und bewirtschaften kann.

AGF: Ist Trump eine Art Mutterleib für seine Wähler?

KCB: Der Mutterleib ist, um es mit Lacan zu sagen, im Symbolischen angesiedelt. Er steht für Geborgenheit und Sicherheit, mit Trump gesagt für “Law and Order“. Er steht aber auch für das Land und seine Grenzen, in dem sich der regressive Teil der Amerikaner zu Hause fühlt. So gesehen sind diese Amerikaner bereits im Mutterleib und so gesehen hatte er für viele Leute, trotz einer zu höchst zynischen Grundhaltung, die besseren Karten gehabt als Hillary, welcher man die “Landesmutter“ nicht abgekauft hat. Sie steht für die Konservativen für einen aggressiven Feminismus, für Abtreibung und Toleranz in Sachen Ehebruch. Das bestätigt die Tatsache, dass die Frauen nicht in gewünschter Zahl hinter ihr gestanden sind.

AFG: Der Publizist und ehemalige Stellvertretende Finanzminister unter Reagan, ein erbitterter Gegner der Neocons, Paul Craig Roberts, schreibt:

Die Vereinigten Staaten von Amerika haben keine hochintelligente oder gut informierte Bevölkerung. Die Vereinigten Staaten von Amerika verdanken ihre Dominanz im 20.Jahrhundert den beiden Weltkriegen, die fähigere Länder und Völker zerstört haben. Amerika wurde zur Supermacht durch die Selbstzerstörung anderer Länder.

Könnten seine Ideen eine künftige Politik der Administration Trump bestimmen?

KCB: Er ist da natürlich nicht alleine. Und zuweilen neigt er zu absurden Verschwörungstheorien. Doch seine Haltung zeigt die tiefe Spaltung und irrationalen Strömungen, die durch das Establishment aber auch durch die Gesellschaft gehen. Er schreibt nach dem Wahlsieg Trumps:

Trump said that he will put Hillary in prison. He should first put her on trial for treason and war crimes along with all of the neoconservatives. That would clear the decks for peace with the other two major nuclear powers over whom the neoconservatives seek hegemony. Although the neoconservatives would still have contacts in the hidden deep state, it would make it difficult for the vermin to organize false flag operations or an assassination. Rogue elements in the military/security complex could still bring off an assassination, but without neocons in the government a coverup would be more difficult.

Er hat die Clintons immer in eine Reihe mit Bush, Wolfowitz, und Condoleezza Rice gestellt. Die Rolle von Dick Cheney in Sachen CIA ist bekannt. Damals ging es neben der Wolfowitz Doktrin noch um das Erdöl.

AFG: Sie sprechen die Geschichte um Abu Musab al-Zarqawi, dem man die Anfänge des islamischen Staates zusprechen muss indem er nach dem Golfkrieg die aus der irakischen Armee entlassenen sunnitischen Soldaten aufgefangen und in die Dienste des IS genommen. Obama hat zu spät erkannt, dass die Geschichte aus dem Ruder gelaufen ist. Auch wenn grosse Teile der US Bevölkerung solche Zusammenhänge nicht kennen, hinterlässt die Rolle der USA leider einen schalen Geschmack. Was wird sich nun unter Trump ändern?

KCB: Das weiss momentan wahrscheinlich nicht einmal Trump selber. Die Marke Trump ist Präsident geworden und nicht die Republikaner, es ist dies der Sieg einer Bewegung mit der Aufschrift “We make Amerika great again“ auf der roten Basecap. Bewegungen waren in der Vergangenheit eher links angesiedelt, ausgenommen die Nazi- und Faschistenbewegung und all die neo-nationalistischen Bewegungen die heute Konjunktur haben. Die Trump Bewegung hat gesiegt, doch ist damit ihr Ende besiegelt, frage ich mich? Nun wird Trump Präsident. Schon in seiner ersten Rede hat man sich fragen müssen, ist das noch Trump, oder bereits ein Schauspieler, oder war das vorher ein Schauspieler? Wenn eine Bewegung an die Macht kommt, so stagniert sie und ihre Führer werden selber zum Establishment. In einer Bewegung ist meist der lange Weg das Ziel.

AFG: Bedeutet das eine Rückkehr zu der isolationistischen Politik früherer Jahrzehnte?

KCB: Man weiss, dass die verlorengegangenen Jobs nicht zurückkehren werden. Die Digitalisierung, wird zudem weitere Jobs fressen, das habe ich bereits gesagt. Ob er einen Wirtschaftskrieg gegen China gewinnen kann ist fraglich. Er muss aufpassen, dass er das iPhone nicht zu einer roten Kappe einer ganz anderen Bewegung macht. Auf der anderen Seite müssen sich all die linken Globalisierungsgegner fragen, wie weit sie Trumpisten sind? Trumps Programm, die Infrastruktur auf Vordermann zu bringen und dabei Jobs zu schaffen klingt gut, wären da nicht die versprochenen Steuersenkungen und das Credo, er wolle die Staatsschulden von 18 Billionen in 8 Jahren abbauen. Mit der trickle down Theorie der Reaganomics kann man keine Brücken bauen.

AFG: Wird Trump unter Druck kommen?

KCB: Innenpolitisch mit Sicherheit? Seine Bewunderung für Putin nützt ihm nicht viel, denn er kann nicht auf eine Bevölkerung des Erduldens zählen in einem gespaltenen Land. Und wie gespalten das Land ist, sieht man, wenn man die beiden Sender Fox-News und CBN vergleicht. Es ist als ob man in zwei verschiedenen Ländern lebte. Versuche solche Systeme mit Gewalt zu homogenisieren bedeutet Bürgerkrieg. Seine Haltung gegenüber den Muslimen ist Wasser auf die Mühle der fundamentalen Christen aber auch auf die Mühlen des IS. Was in Nahost geschehen wird, weiss niemand so recht. Ich denke es wird noch schlimmer werden. Das Assad Regime ist sehr erfreut über den Wahlausgang wie die syrische Staatszeitung "al-Baath" verlauten lässt.

AFG: Was ist der Einfluss auf Europa?

KCB: Vorab gesagt, ich fürchte ein sehr schlechter. Lassen Sie mich das ausführen. Aus der Sicht des National Intelligence Council, verschieben sich ökonomischen Gewichte grundsätzlich weg vom Westen hin zu den Schwellenländern, so berichten das Council in Sachen global Trends. In 20 Jahren so der Sicherheitsbericht, soll China die Wirtschaftsmacht Nummer eins sein. Der Aufstieg der Schwellenländer bedeutet zugleich einen Bedeutungsverlust anderer Regionen und Länder: Russland, Europa und in Asien auch Japan werden wirtschaftlich weiter verlieren, heisst es in dem Bericht. Die Europäer können also nur zwischen Cholera und Pest entscheiden, wenn sie nicht von der Vorstellung, die EU sei die Pest, abrücken. Die EU ist nicht vergleichbar mit den USA. Es gibt kein EXIT aus den USA, die USA ist eine Nation, die EU ein eher schlecht als recht zusammengewürfeltes Staatengebilde. Die Nationalisten in Europa, und Nationalisten neigen nun mal dazu ihr Habitat zu überschätzen, wittern Morgenluft. Die EU als Wertegemeinschaft, als Wirtschaftsblock, aber - und das stört die meisten - als Solidargemeinschaft, ist ein Vertragstiger mehr oder weniger gekettet an den Euro, also eine Währungsgemeinschaft und eben keine Nation. In Europa gibt es unzählige Sitze zu machen für alle Minitrumps die da in der letzten Zeit aus den nationalen Löchern kriechen. In der EU kann man sich als Trümpchen keine goldene Nase verdienen, das System lässt das nicht zu. Wer kennt in den USA oder gar in Europa schon Martin Schultz? Europa ist keine Republik, hat keinen Präsidenten mit rotem Knopf, höchstens einen Parlamentspräsidenten mit zuweilen rotem Kopf. Europäische Populisten sind in der Regel EU Gegner. Mit anderen Worten, die Populisten werden auf ihre blauen Basecaps „Make EU small again“ schreiben. Das wiederum ist auf der grossen Bühne der Weltwirtschaft pures Gift.

AFG: Was haben Trumps, wenn auch widersprüchliche Drohungen, sich aus der Nato zurückzuziehen, für Auswirkungen? Oder auch der Ausspruch, er werde seine Militärhilfe nicht mehr gratis anbieten.

KCB: Wie beim Schachspiel gibt es verschiedene Strategien und verschiedene Player aber auch verschiedene Figuren, deren Funktionen verschieden ausgerichtet sind. Im Schach ist es so, dass wer einmal eine Figur verloren hat, diese nicht mehr zurück erhält ausser bei der Bauernumwandlung welche aber im Grunde auch ein Bauernopfer ist. Ich will damit sagen, nur die exzellentesten Spieler sehen viele Züge und Varianten voraus. Ich denke Trump ist nicht primär ein Schachspieler, er spielt eher, das ist meine Einschätzung, intuitiv und könnte und das ist das Primäre, Regeln missachten oder unterlaufen. So hat er beispielsweise seine Stahleinkäufe beim “Feind“ China damit gerechtfertigt, dass die Clintons solche Deals mit ihrer Politik ermöglicht hätten und somit dafür die Verantwortung tragen. Aber nun zu Ihrer Frage: Europa ist in verschiedener Hinsicht herausgefordert. Ich versuche einmal ein Szenario zu entwerfen, welches den USA eine marginalere Rolle zugesteht. Seit längerer Zeit hege ich den Verdacht, dass hinter den Kulissen Spiele gespielt werden, die sehr wohl bedacht sind, ohne gleich in Verschwörungstheorien abzudriften. Ich vergesse nie die Geschichten um den Waffenhändler Basil Zaharoff, welcher es hervorragend geschafft hat, Staaten gegen einander aufzuhetzen und jeweils beiden Seiten Waffen zu verkaufen. Das Ende des kalten Krieges, die Abrüstungstendenzen danach, war für diese Industrien pures Gift. Die Stationierung von Truppen und die Platzierung von Raketen in Polen und im Baltikum waren ein Affront gegen die Nato-Russland-Grundakte von 1997, welche das Versprechen die NATO werde nicht nach Osten vorrücken enthält. Hier schimmert das alte Aktion/Reaktion Muster von Zaharoff durch. Aus der Schrift des Soziologen Charles Wright Mills “The Power Elite“ geht der militärisch-industrieller Komplex hervor. Popularität erlangte der Begriff durch den US-Präsidenten Dwight D. Eisenhower, der in seiner Abschiedsrede vom 17. Januar 1961 ausdrücklich vor den Verflechtungen und Einflüssen der Waffenindustrie auf die Politik warnte. In Syrien stehen sich die beiden Supermächte zwar nicht gegenüber, unterstützen jedoch unterschiedliche Gruppierungen und man wird irgendwie den Verdacht nicht los, dass der IS nur ein Vehikel ist, der das Waffengeschäft günstig beeinflusst. Man nennt das heute Stellvertreterkriege. Könnte es sein, dass gewisse Kreise aus dem “Komplex“ weitgehend das Interesse an den Ölfeldern des nahen Ostens verloren haben? Könnte es sein, dass der von Obama versprochene Rückzug aus den Schlachtfeldern des nahen Ostens, und die von Trump angekündigte „neue“ Rolle der USA im weitesten Sinne damit zusammenhängen?

AFG: Hilary steht für eine harte Haltung und für sogenannte Realpolitik. Für was steht Trump? Könnte es sein, dass die Putinanhänger zu früh gejubelt haben?

KCB: Ich bin der Meinung, dass die Fotomontage, die Putin und Trump, oben ohne, auf einem Pferd zeigt, völlig falsche Zeichen setzt. Wenn schon Pferd, dann Rittertournier oder Wagenrennen. Schon Reagan hat man kolossal unterschätzt. Was will schon ein abgehalfterter Cowboy, ein B Movie Schauspieler auf der Weltbühne, so oder ähnlich hat man polemisiert. Zusammen mit der Tatcher und vielleicht noch mit dem Papst aus Polen, hat er den eisernen Vorhang heruntergerissen und Bush Senior und Kohl durften dann noch den letzten Faden durchschneiden, als eröffnete er eine Autobahn. Reagan hat die UDSSR im Gleichgewicht des Schreckens zu Tode gerüstet. In der Ära Clinton wurde Amerika wirtschaftlich auf Vordermann gebracht und da spielen die neuen Märkte eine Rolle. Dass die US Mondänindustrie gelitten und die Regionen zum Rostgürtel herunter gekommen sind, ist sicher nur zum Teil der Öffnung zuzuschreiben. Nach den Japanern und anderen Fernostmarken hat die Europäische Autoindustrie einen guten Job gemacht. Die Strategie, den kleinen Leuten all diese Ungetüme zu verkaufen, neben Kleinwagen, Luxuskarossen und Sportflitzern hat ein Gesicht. Was geblieben ist von der einstigen Autonation, ist gerade mal noch Jeep, die Urmarke der Holperstrasse. Wohlverstanden, ich finde diese SUV Karossen schrecklich in jeder Hinsicht, aber offenbar ist die Rechnung aufgegangen. Die Idiotie mit der Abgasmanipulation ist umso bedenklicher.

AFG: Bevor Sie uns nun die jüngere Geschichte der USA von Reagan bis Trump erläutern, diese kann man in Kurzform unter Präsidenten der USA (Wikipedia) selber nachlesen. Sorry dass ich Sie unterbreche, möchte ich Sie fragen was Sie zu der sogenannten Postdemokratie eines Colin Crouch sagen?

KCB: Auf seine Postdemokratie folgt die Frustdemokratie. Sie ist gefährlich, wie man z.B. in Polen und Ungarn sieht. Das Volk sieht sich betrogen und setzt auf Demagogen. In meinem neuen Buch Fataldemokratie zeige ich auf, was passieren kann, wenn der Pluralismus bröckelt und die Politik auf einzelne Themen reduziert wird. Anhand von Beispielen wie Fukushima und der Flüchtlingsproblematik kann man das gut nachvollziehen. Man sieht dann auch die jeweilige Verfallszeit, wenn das sogenannte Ereignis rhetorisch ad acta gelegt worden ist. Crouch sieht nun in der Zähmung selbstzerstörerischer Tendenzen des Kapitalismus eine Chance für die Sozialdemokratie. Ich bin da eher skeptisch. Diese Chancen werden von den Populisten mit z.B. Überfremdungsängsten und Stromlücken leicht unterlaufen. Die sogenannten Fehler des Kapitalismus müssen ein Ausmass annehmen, dass es in der Regel “Matthäi am Letzten“ ist. Sozial Demokratie findet fast nur in den Städten statt. Da wird sie zunehmend dominiert von jungen Frauen, die ihre Kompetenz zum Besten geben. Das ist alles schön und gut, bleibt aber in der Regel an der Stadtmauer hängen. Der oft schulmeisterliche Ton der jungen Damen kommt auf dem Lande ganz schlecht an und zuweilen auch bei den Abgehängten in den Städten. Ich sage es mal so, die Themen der Rechtspopulisten können Sie mit einem Kartoffelsack vermitteln, die linken Anliegen sind viel heikler in der Vermittlung. Das Problem sind nie die Stammwähler, das Potential liegt anderswo, das hat man in den USA gut gesehen. Zudem hat die Rechte weitere Kampfwörter kreiert. Nach dem Gutmenschen kommt nun das Wort Linkspopulismus zum Zug. Mit diesem versucht man das Elend dieser Welt zu verdrängen und die Linken zuerst zu stigmatisieren um sie dann zu marginalisieren. Populismus war nie nur rechts, aber was wir schnell vergessen ist, dass das faschistoide, z.B. unter Stalin, einfach eine andere Etikette trug. Wer sich über Armut, Hunger und dem Elend in der Welt empört, ist im Grunde nichts anderes als ein guter Christ könnte man sagen. Und wer diese Haltung kritisieren will, der soll das bitte richtig tun und den alten Nietzsche bemühen. Doch diesen lässt man lieber beiseite, denn jeder abgehängte Frusthaufen weiss doch, dass er nicht das Zeug zum Übermenschen hat, das ist im übrigen der Grund, weshalb sie Milliardäre wählen. In ihnen sehen sie den Übermenschen den sie selber gerne wären.

AFG: Zurück zu Europa, was würden Sie den Europäern raten?

KCB: Nun ich habe vorher den Unterschied EU und USA erwähnt. Zurück zum Nationalstaat ist eine Sackgasse und ist das Gegenteil von Trumps „We make USA great again“. Weder Grossbritannien noch irgendein europäisches Land werden mittelfristig grösser im Alleingang. Wenn die Deutsche Verteidigungsministerin von der Layen nun auf interne Aufrüstung setzen will, ist das der falsche Weg. Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin kein Militarist, doch wäre es angezeigt eine EU Rüstungsindustrie so zu forcieren, dass man die besten Konzerne zusammen baut zu konkurrenzfähigen Gebilden. Mit Konkurrenz meine ich die US- und die russische und allenfalls chinesische Rüstungsindustrie. Das beste Beispiel ist doch Airbus, aber auch die Autokonzerne. Wenn die USA aus der NATO raus will, würde das bedeuten - OK, dann behaltet euren Schrott, wir bauen unseren eigenen, ihr zwingt uns dazu. Und wenn Trump wahr macht was er zum Besten gegeben hat, dann werden Apple und Microsoft vielleicht ihren Hauptsitz in die Schweiz verlagern und die Amis werden ihre eigenen Errungenschaften nicht mehr bezahlen können, wegen der Zölle. Und wenn die grossen Rechenzentren in den Alpen Einzug halten, hat auch der NSA vielleicht keinen so günstigen Zugriff mehr auf Big Data. Und in der Ökonomie müsste man die Quadratur des Kreises schaffen, eine Wirtschaft die nur auf ökologisch verträgliches Wachstum setzt. Ich kenne alle Einwände gegen das bedingungslose Grundeinkommen, aber dann, - nur dann, wenn die Wirtschaft die Arbeit wegrationalisiert, verschwinden lässt, muss sie ihre Stellung als konstituierendes Primat der menschlichen Lebensgestaltung aufgeben. Aber auch das erfordert die Quadratur des Kreises. Ich weiss Frau Grazi, ich phantasiere jetzt einfach mal munter drauf los, aber Europa hat seine Marke noch nicht entdeckt. “We make Europe great again“, muss noch erfunden werden und das geht nicht, indem man es in Stücke hackt und dem Egoismus auf den Leim kriecht. Grösse hat seinen Preis, ansonsten droht der Abstieg in die Bedeutungslosigkeit. Was aber noch viel schlimmer sein wird bei einem Auseinanderfallen der EU, ist die Gefahr von innereuropäischen Brandherden. Doch kommt es einmal soweit werden alle sagen, wir haben es einfach nicht für möglich gehalten, wir sassen in einer Blase. Wenn der Intellekt unserer Eliten nicht mehr über den Campus hinausreicht und bei Kaffee und Kuchen in einer Blase (damit ist wohl die Mensa gemeint) implodiert, dann können wir direkt ins Kloster gehen. Ich bin ein Globalisierungsgegner da, wo man durch Konzerne erpressbar wird, wie es Colin Crouch in Postdemokratie beschreibt. Binnenmarkt und Export/Import müssen sich die Waage halten. Mit Wachstumskontinenten wie Asien und Afrika muss man sorgsam umgehen und sich nicht primär auf den eigenen Profit ausrichten. Klimasünden durch Wachstumsoverdrive in der sogenannten noch gerade dritten Welt lassen die Polkappen umso schneller schmelzen und die Wirbelstürme sind nur bedingt ein Motor für die Bauindustrie wenn das Geld fehlt. Ich weiss, das ist so einfach daher gesagt. Klimagipfel, Wirtschaftsgipfel, Sicherheitsräte etc. müssen zusammenrücken und Globalisierung umfassender angehen. Wie in der Medizin der Körper, muss der Globus ganzheitlich angegangen werden, sofern nicht gerade ein neues Herz oder eine Chemo angesagt ist. Das WEF in Davos ist da im Grunde gar keine so schlechte Sache, denn es sind letztlich die Mächtigen, die in der kapitalistischen Welt am Steuer sitzen. Das “Proletariat“ ist dazu verdammt zu rudern, und wenn da jeder seinen individuellen Takt rudert, dann läuft eben alles aus dem Ruder wie man so schön sagt. Was es aber kann, das Proletariat, ist den Verkehr regeln durch Gesetze und moderate intelligente Regulierung. Es ist doch allen klar, dass die Deregulierer Porschefahrer sind, die für sich die grüne Ampel pachten möchten. Oft werde ich aber das Gefühl nicht los, ausser lauter Frust, weil man das grosse Ganze nicht zu regulieren im Stande ist, reguliert man sich im Kleinen zu Tode.

AFG: Gibt es denn das Proletariat noch?

KCB: Man hat es ja eben in den USA wieder neu entdeckt, es ist das Rostproletariat, die Arbeiter und Arbeiterinnen ohne Arbeit, die Abgehängten, diejenigen, die ihr Häuschen oder ihr Angespartes wegen den Blasen verloren haben. Sie bilden zusammen mit den Flüchtlingen ein Proletariat, das sich selber verleugnet. Ergo nicht mehr existent ist.

AFG: Was ist mit den Flüchtlingen? Wie kann man die Flüchtlingskrise meistern?

KCB: Ich bin extrem gespalten was Lösungen angeht. Was aber äusserst verwerflich ist, sind all die Sprüche die in Richtung Hilfe vor Ort gehen. Klingt gut ist aber in der Realität nichts weiter als das altbewährte “aus den Augen aus dem Sinn“. Tatsache ist doch, dass den Hilfsorganisationen, allen voran der UNO, die Mittel vor Ort ausgehen. Die EU sollte längst in EGO umgetauft werden. Ich gestehe, ich habe keine Lösung aber diese Engpässe sind unerträglich und ein Armutszeugnis. Eines kann ich aber zu der Sache klar und deutlich sagen: Jede Herabwürdigung dieser Menschen, jede Verunglimpfung als z.B. Wirtschaftsflüchtlinge, empfinde ich als zutiefst verachtungswürdig und unchristlich. Ich bin zuweilen mit der Kirche nicht gerade zimperlich umgegangen, muss aber sagen, dass ich mich vor Papst Franziskus verbeuge. Ich sage das, weil gerade in der Islam Debatte der christlich abendländische Komplex, ich sage bewusst nicht Kultur, immer wieder von Scheinchristen gepachtet wird. Die Trump Wahl kam als Verblendungsmechanismus gerade zur richtigen Zeit. Der Türke Erdogan macht was er will und auch von Aleppo und Putin sowie dem Flüchtlingselend haben wir nur noch wenig serviert bekommen in den Medien. Wie warm ist es in den Zelten, haben überhaupt alle ein Zelt wie warm ist das Mittelmeer, wie sieht es aus mit Medikamenten, mit Nahrung usw. Sind schon welche an Land erfroren? Vor Ort Hilfe - Sprüche, welch ein Hohn.

AFG: 2017 stehen in Deutschland Wahlen an, was sind Ihre Prognosen.

KCB: Auch in Frankreich stehen Wahlen an. Ich weiss nur was alle wissen. Mit AfD und Front National müssen wir rechnen. Frankreich wird wohl nach rechts kippen. Wie hoch der FN sich bei dieser direkten Volksbefragung einbringen wird, werden wir sehen. In Deutschland wählt der Bundestag. Ich denke, der Seehofer wird zumindest noch zu reden geben, wird aber Frau Merkel den Platz überlassen müssen, so sie denn noch zur Verfügung steht. Steinmeier und die SPD hat man ja nun bereits abgespiesen. Aber ich bin kein Prophet.

AFG: Noch einmal in Kürze, was ist Ihre Utopie für Europa?

KCB: Ich habe es an anderer Stelle gesagt. Die Globalisierung oder besser, der Universalismus ist heute eine Tatsache, welche man nicht in urban Gardening ertränken kann. Jede lokale Bewegung ist sinnvoll und ich bin absolut für Mikrowirtschaft, da wo diese Sinn macht. Aber so wenig wie wir zu Selbstversorgern werden können, so wenig Sinn macht ein Rückzug in den Kokon national egoistischer Ausprägung. Ich sage es einmal zugespitzt: Der Trachtenverein macht dann keinen Sinn mehr, wenn man in Autos mit Spoiler zum Trachtenfest fährt und man sich vor macht, der Gestank der Abgase rieche nach Pferdeäpfeln. Folklore kommt von englisch „Volk“ und lore „Überlieferung“ oder „Wissen“. Man könnte auch sagen, das Wissen darüber, was einmal war. Auch die Nation war nicht immer und so könnte etwas entstehen, das über die Nation hinaus wächst. Z.B. etwas Grösseres wie die Vereinigten Staaten von Europa, eine neue Nation, welche der Welt auf Augenhöhe begegnet und die, durch ihre neue Grösse, die alten Ideale umso höher halten könnte. Aber eben, die Leute lügen sich lieber einen Pferdefurz in die Westentasche.

AFG: Ich sehe, sie sind nach wie vor der geborene Europäer.

KCB: Ja ich bin ein bekennender Nationaleuropäer, deshalb hassen mich die Schweizer.