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18.01.2017

Die Schweiz hat ihre Bevölkerung fest im Griff

China kristallklar

von Frelli Tori

Wie absurd zuweilen Episoden am Rande der Weltgeschichte sind, zeigt folgendes Geplänkel: Als der chinesische Staatspräsident Jiang Zemin 1999 die Schweiz besuchte, hatte er bezüglich der Proteste von Exiltibetern, welche man nicht in Sichtweite von ihm ferngehalten hatte, gefragt: “Hat denn die Schweiz ihre Bevölkerung nicht im Griff?“ und er dopte nach, die Schweiz sei das einzige Land, in dem er nicht freundlich empfangen wurde. Nachdem der Eklat schon fast da war, gab Bundesrätin Ruth Dreyfuss noch eins obendrauf in Sachen Menschenrechte und Adolf Ogi konnte das Fiasko gerade mal mit einer durchsichtigen Geste, einem Bergkristall, den er aus der Tasche zog und Jiang Zemin überreichte, halbwegs ins Lot bringen.

Man hatte daraus gelernt und der Besuch von Xi Jinping diese Tage verlief freundlich, denn die Schweiz hatte ihre Bevölkerung fest im Griff.

Ja, wirtschaftliche Interessen gehen vor und die einen, wohl die schweigende Mehrheit, schweigen und ein paar andere echauffieren sich. Und da draussen in der weiten Welt saust der Weltgeist der Geschichte über unsere Köpfe hinweg.

Es mutet in der Tat skandalös an, was der höchste Chinese damals den freiheitsbewussten Schweizern um die Ohren gehauen hat in Sachen “Bevölkerung im Griff haben“.

Der Vietnamkrieg und die Arroganz der ewig Gestrigen in Deutschland führten zu den Studentenrevolten von 68. Die Demonstration etablierte sich in der Folge zum ersten “sozialen Medium“ der Weltgeschichte. Mangels eines elektronischen Hilfsmittels mussten die Follower ihre Tweets auf Transparenten mittragen. Und schon immer haben Staatsmächte versucht diese Tweets zu löschen, wenn auch früher eher mit Wasserwerfern, Gummigeschossen und Tränengas. In Ungarn und der Tschechoslowakei, in China und anderenorts sogar mit Panzern. In Portugal ist es den Demonstranten gelungen Nelken in die Gewehrläufe der Soldaten zu stecken und diese zu überzeugen, dass sie auf der Seite des Unrechts stehen.

Zurück zum Besuch des chinesischen Staatspräsidenten. Die Schweizer Chinakorrespondentin Barbara Lüthi sagte einmal in einem Interview: “China zu verstehen ist nicht einfach, es braucht Durchhaltewillen.“ Es braucht auch ein Vorstellungsvermögen. Da sind einmal 1,37 Milliarden Chinesen, die wenn immer möglich nicht aus dem Ruder laufen sollten. Aus dieser Perspektive sind wohl die Worte von Jiang Zemin zu verstehen. Dass die Schweizer de facto in einer Puppenstube wohnen und sich de jure selber an einer langen Leine halten können ist historisch gewachsen und natürlich geht jedem Sozialutopisten das Herz über, wenn er sich mit den Widersprüchen der chinesischen Realität konfrontiert sieht. Aber auch Herr Xi selber ist nicht glücklich mit seinem China. Er kenne sich aus im eigenen Land. Er wisse, wie korrupt viele seiner Genossen seien. Das Streben nach Geld verachte er, ebenso die Klasse der Neureichen. Dies nachzulesen in einem Artikel des Spiegel. Vor allem fürchte er, dass die Menschen in den neuen Zeiten der Marktwirtschaft Würde und Respekt verlieren würden. Wer nun aber glaubt, dass China die Proteste ausserhalb der geschützten Werkstatt, welche die Schweizer aufgezogen haben, nicht mitbekommen, ist naiv. Eine kreative Leseart wäre doch die, dass man einsieht, dass das Vorgehen der Polizei gegen Demonstranten und die Errichtung einer Sicherheitszone im Grunde den mächtigsten Mann der Welt bevormundet. Eine bittere Pille, die er diplomatisch zu schlucken hat, ohne dass ihm jemand einen Bergkristall zur Versöhnung reicht. Das Frageverbot für Journalisten ist gleich zu setzen mit einer unterstellten Antwortangst und eines so mächtigen Mannes im Grunde unwürdig. Sollte das Frageverbot vom Gast selber eingefordert worden sein, so sei an dieser Stelle erwähnt, dass man in normalen Zeiten nur bissige Hunde mit einem Maulkorb versieht und nicht Journalisten.