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17.01.2019

Wir VERSOHNEN

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.Filmkritik von hus

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Der Film "Aussortiert" von Antje Christ und Dorothe Dörholt

Es fehlen 177 Millionen Frauen...

lässt mich nicht kalt. Keine Frage, ein ernst zu nehmendes Problem. Die ersten Anzeichen für dieses Problem waren z.B. die Vergewaltigungen und Morde an Frauen in Indien. Im Film wird aber klar, dass diese Auswüchse vielleicht nur die "Symptome" einer viel grossen gesellschaftlichen Katastrophe sind.

Was mich nun aber extrem nachdenklich macht, ist Folgende Kontroverse:

Zum einen werden wir auf den Sendern, die unserem Dasein auf dem Planeten mit Besorgnis begegnen und die gute Verdienste vorzuweisen haben, reichlich bedient, wenn es um das Anspruchsvolle in Kultur und Gesellschaft geht. Zum Anderen ziehen sie uns durch ein Wechselbad der Gefühle und lassen uns unkommentiert zurück. Ausgenommen die Thementage von Arte und 3Sat, in denen solche Themen umfassend angegangen werden.

Was also ging mir durch den Kopf, als ich mir die Misere in "Aussortiert" antat.

Die Bösen werden schnell mal genannt:

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Dorothe Dörholt: Um es plakativ auszudrücken: Man hatte im Westen Angst, dass uns die Menschen in den Entwicklungsländern ‚die Haare vom Kopf fressen könnten’. Der medizinische Fortschritt hatte dazu geführt, dass dort die Lebenserwartung stieg, die Kindersterblichkeit ging zurück und so wuchs die Bevölkerung rasant. Und Arme, so dachte man damals, sind leichte Beute für den Kommunismus. Aus diesem Grund haben einige einflussreiche Männer wie John D. Rockefeller der Dritte in den USA eine Bevölkerungskontrollbewegung gestartet und Stiftungen gegründet, um die Armen dazu zu bringen, weniger Kinder in die Welt zu setzen. - Und man wird auch nicht Müde zu betonen, die Gates Stiftung blase in dasselbe Horn.

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Diese These bezüglich des kalten Krieges mag ja durchaus stimmen, ist aber nur gerade mal die eine Seite der Medaille. In dieser Zeit kursierten schliesslich auch "die Grenzen des Wachstums" des Club of Rome.

Diese Tatsache blendet der Film weitgehend aus und kümmert sich stattdessen emotional um verschwundene Mädchen, die niemanden kalt lassen können. Es wird dann so nebenbei erwähnt, dass man sich im Westen das schlechte Gewissen mit der Erderwärmung vom Halse rede.

Das greift aber entschieden zu kurz. Natürlich ist es fatal, wenn man rückständigen, zutiefst patriarchalen Gesellschaften eine Geburtenkontrolle aufdrängt, die gepaart mit den modernsten Errungenschaften der Medizin und der Wissenschaft, eine Geschlechter-Eugenik begünstigt. Ob man den Frauenmangel bewusst in Kauf genommen hat, sei einmal dahingestellt. Tatsache ist, dass er absehbar war und dass man die Folgen insbesondere in den betroffenen Staaten nicht genügend thematisiert hat. Heute werden in Indien auf der einen Seite kleine Mädchen geraubt und für den Sohn oder den Profit, grossgezogen. Zum anderen muss eine Braut Mitgift bezahlen, was zur Folge hat, dass die Eheleute bewusst Söhne zeugen und die Mädchen abtreiben.

Ich erinnere mich aber bestens an die grossen Hungernöte, die in dieser Zeit unsere Gemüter und Medien erhitzten. Ich erinnere mich auch an Beiträge, wo man mit Nahrungsmittelüberschüssen aus der EU die Landbevölkerung in Afrika durchfütterte und die dann den Umgang mit ihrer kargen Existenz (ihre Anpassung) auf dem Lande verlor und die in die Slums der Städte flüchtete oder in spätere Hungersnöte getrieben wurden. Wer kann einem Slumbewohner verübeln, dass er sich auf den Weg nach Norden macht, um dann hier oben vor Mauern der Unmenschlichkeit zu stehen. Wieder andere Formate im TV zeigen, wie die Rohstoffgiganten diese Länder ausbeuten und der Kampf um Ressourcen, ebenfalls mit unseren Waffen, längst im Gang ist. Wirtschaftliches Wachstum braucht auch Abnehmer, Kaufkraft usw.

Die Menschheit wächst stetig an und mit ihr die Müllberge. Nun merken wir aber, dass diese Probleme nicht lokal gebändigt werden können und was ist unsere Antwort? Mauern.

Was mich in dem Film zudem auch etwas aufhorchen liess war: Die Abtreibung hat einen zentralen Stellenwert in dem Film. Gerne hätte ich z.B. gewusst, wo und wann der zu Wort kommende Professor in die Kirche geht. Dies nur aus systemtheoretischen Überlegungen heraus. Ich komme nicht umhin mir die letzten Worte des Franziskus bezüglich “Auftragsmord“ in Erinnerung zu rufen. Auch da wird Kraut und Rüben medial-journalistisch durcheinander gewurstelt. Probleme wie wir sie auf dem Planeten haben, können nur intersubjektiv, interdisziplinär und kontrovers angedacht werden. Sie müssen ähnlich wie das z.B. Bourdieu mit seinem Habitusmodell angeht “kartografiert“ und ausgelegt werden. Des einen Freud, des andern Leid, ist leider längst Motto im Mainstream geworden und müsste besser austariert werden, denn das Leid der Einen kann sich schnell mal zu den Freudigen gesellen.

Eines aber wissen wir nach dem Film: Millionen Männer werden keine Frau finden. Das haben wir nun von diesem unsinnigen Patriarchat, wir „versohnen“,