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08.05.2018

Weltuntergang mit K.C. Broom

Die „Evolution“ oder der lokale Charakter einer Spezies

Rezension von A. C. Sauerberg

K.C. Broom, immer wieder mal gut für einen Skandal. Was hat er diesmal vor, denkt man sich fast auf jeder Seite dieses Buches. Will er den Homo Sapiens endgültig in die Pfanne hauen oder will er ihn freisprechen von seinen „Sünden“? Freisprechen, indem Broom sagt: „Dieses Tier kann nicht anders, es ist nicht gebaut für eine Kugel, es erträgt nur kleine Flächen, es erträgt nur sein kleines begrenztes Revier.“

Das neue Buch von K.C. Broom ist in weiten Zügen eine Fortsetzung seines Hauptwerks „Das Ganze ist das Dumme“. Es ist inspiriert von Julian Jaynes Buch „Der Ursprung des Bewusstseins durch den Zusammenbruch der bikameralen Psyche“ und „dem Irrläufer der Evolution“ von Arthur Köstler. Broom zieht jedoch ein anderes Fazit. Er übernimmt folgende Aussagen:

„ Das allgegenwärtige Ritual des Menschenopfers (zum Beispiel die Bereitschaft des Abraham, aus reiner Liebe zu Gott seinem Sohn die Kehle durchzuschneiden), das von den vorgeschichtlichen Anfängen über die Höhepunkte präkolumbianischer Zivilisationen und in einigen Teilen der Welt bis hin zum Anfang unseres Jahrhunderts reicht;

„ die ständige Bereitschaft des Menschen, gegen seine eigenen Artgenossen Krieg zu führen. Einzig der Mensch (von einigen noch umstrittenen Befunden bei Ratten und Ameisen abgesehen) töte Angehörige seiner eigenen Spezies, sowohl individuell als auch kollektiv, aus Motiven, die von sexueller Eifersucht bis zum metaphysischen Dogmen-Streit reichten;

„ die paranoide Kluft zwischen rationalem Denken und irrationalen, auf Gefühlen beruhenden Überzeugungen.


Im Gegensatz zu Köstler vertritt Broom die Ansicht, dass die Natur selber keine „Fehler“ macht. Der Mensch sei eine Konsequenz der Evolution. Wenn Natur in höheren Lebewesen zu Bewusstsein komme, so sei dies nur ein Indiz, dass sie eben so lange ausprobiere, bis sie sich selber reflektiere und wahrscheinlich nicht mehr und nicht weniger. Ob dies notgedrungen so angelegt sei in der Natur, entziehe sich der Reflektion aus Gründen der Selbstreferenz. Auch intelligentes Design sei nicht nachzuweisen. Sicher sei jedoch, dass, hätte die Welt nie einen Gedanken an sich selber verschwenden können, sie zwangsläufig nur im Absurden ein Dasein fristen müsste. Sie wäre für niemanden da. Und etwas, das nicht für oder in jemandem da sei, sei im Grunde eben nicht da, sondern höchstens dort.

Die Dominanz des Homo Sapiens Gehirns, kraft seiner Vorteile, seien der Grund für die schnelle Ausbreitung und die Erreichung einer grossen Bevölkerungsdichte auf dem Planeten. Wie fast jede Art sei der Mensch aber ein lokal gebundenes Wesen. Die Völkerwanderungen entstünden aus Existenzdruck im eigenen Habitat. Man verlasse um zu überleben. Dies führe zu den bekannten Revierkämpfen in Gebieten, wo bereits andere Ethnien sesshaft seien.

Dies ist soweit nichts unbedingt Neues. Broom geht es auch um etwas anderes. Er streicht die zunehmende Diskrepanz zwischen dem lokalen Wesen des Menschen und seinem globalen Herrschaftsanspruch heraus. Das „macht Euch die Erde untertan“ sei eine Nachlieferung, eine Selbstanmassung wider besseres Wissen des auf Expansionskurs sich befindenden Monotheismus.


In Psalm 8,7 EU heisst es: „Du hast ihn [den Menschen] als Herrscher eingesetzt über das Werk deiner Hände, hast ihm alles zu Füssen gelegt.“

Die hebräische Exegese finde erst in den letzten Jahren angemessenere Übersetzungen. Das hebräische Verb kabasch (bisher übersetzt als „untertan machen“) hat auch die Bedeutung „als Kulturland in Besitz nehmen“, „dienstbar, urbar machen“, wie Vergleiche mit Verbübersetzungen in anderen biblischen Büchern (Num 32 EU und Jos 18 EU) zeigen. Das Verb radah (bisher übersetzt als „königlich bzw. herrschaftlich auftreten“) wird in Mari-Texten für den Umgang eines Hirten mit seiner Kleinviehherde verwendet und „müsste die verantwortungsvolle, fürsorgliche Konnotation zum Ausdruck bringen.“ Broom bemerkt, dass eben mit ”die Erde“ nicht der Globus gemeint sei, sondern der Acker vor oder die Weide hinter dem Haus.

Der Gedanke des Dominium terrae sei in der Spätantike und im Mittelalter weiter tradiert worden. So schreibe etwa Laktanz:


„Als Gott den Menschen schuf, gleichsam als Abbild Gottes und Krone des göttlichen Schöpfungswerkes, da hauchte er ihm allein die Weisheit ein, damit er alles seiner Herrschaft und Botmäßigkeit unterwerfe (ut omnia imperio ac ditioni suae subiugaret) und alle Annehmlichkeiten der Welt genieße.“


Gerade all diese Annehmlichkeiten, so Broom, seien das Grundübel, das alle herrschenden Klassen für sich in Anspruch nähmen. Sie folgten dem Credo: „Gott ist mit den Erfolgreichen, sonst wären sie Versager.“

Jedes noch gerade normale Lebewesen passe sich an sein lokales Habitat an. Es gehe sogenannte Symbiosen ein usw. Die Eroberung von adäquatem Lebensraum zwecks Ausbreitung der Art sei bei Überpopulation, wie erwähnt, normal in der Natur. Hinter fast jedem Satz hören wir heraus, dass Broom der Ansicht ist, die göttliche Weisheit, die Gott dem Menschen eingehaucht hat, sei in Wahrheit die Dummheit. Nur muss man wissen, Broom glaubt nicht an diesen Gott.

Die Natur versuche so „vernünftig“ wie möglich zu handeln. In der „Naturvernunft“ sieht Broom quasi den Zweck, der die Mittel heiligt im Überlebenskampf. Nicht aus Angst greife die Natur zur Vernunft, sondern die „Naturvernunft“ greife zur Angst. Eines der zentralen Probleme sei, dass der animalische Instinkt nur im lokalen Bereich funktioniere. Er sei an das Habitat gebunden. Am besten könne man diese Habitatsgebundenheit an der Fähigkeit zu trauern messen. Je weiter ein Unglück vom eigenen Habitat entfernt sei, umso geringer sei die Anteilnahme. Broom reizt das Thema folgendermassen aus: Stirbt in einer Familie der geliebte Goldhamster, so fällt die Trauer um einiges stärker aus, als wenn Tausende sterben durch ein Erdbeben in Asien. Schon ein Erdbeben mit 50 Toten in Italien löse in der Schweiz mehr Betroffenheit aus. Nach demselben Programm funktioniere auch der Rassismus. Rassismus sei der Kollaps der Nähe, gepaart mit der Angst, dominiert zu werden. Deshalb werde künstlich Ferne hergestellt. Indem man Lebewesen zu Objekten degradiere, würden sie „dehydriert“, sagt Broom, sie würden dann besser brennen. Assoziationen zu den Ausführungen bezüglich des Muselmann in „Was von Auschwitz bleibt“ von Giorgio Agamben scheinen auf. Muselmann nannte man die lebendigen Toten, die total entmenschlichten Menschen in den Lagern.


Broom ist nun aber alles andere als ein Sozialdarwinist. Seine These ist: Wenn der Mensch sich nicht seines auf Lokalität eingeschriebenen genetischen Codes entledige, werde er untergehen, denn die Erde sei nicht grenzenlos ausdehnbar. Dieses Programm der Lokalität ist aber nun mal drin in den Köpfen der Art und kann nicht einfach (es sei denn durch Lobotomie) herausoperiert werden. Nun wird wohl jeder denkende Mensch sagen: Ja, aber wir Menschen haben ja etwas, das über der „Naturvernunft“ steht, nämlich die Vernunft oder gar den Humanismus. Ja sagt Broom, die haben wir, die Vernunft. Und wie führt uns unsere Vernunft aus dem Dilemma fehlender Lokalressourcen? - Richtig! Sagt er in polemischer Rhetorik: Der Mensch erobert das Weltall. Für Broom der grösste Witz aller Zeiten. Dass der Mensch in seiner Begrenztheit sich so etwas wie Terraforming auf anderen Gestirnen als Lösung ausgedacht habe, werfe ernsthafte Fragen auf. Dieses Projekt wäre, wenn es aus Jux und Tollerei entstünde, als extravagante Lösung für Ferienressorts für Milliardäre ein denkbares Geschäftsmodell. Man hätte viel Zeit gebraucht und im Grunde für Nachfahren geplant. Welcher Milliardär plant aber für kommende Milliardärsgenerationen, fragt Broom sarkastisch weiter, absahnen ist jetzt und nicht übermorgen, da das Projekt Lifestretching noch in den Kinderschuhen stecke. Einen Planeten mit einer Biosphäre auszustatten, um den fehlenden Lebensraum zu ersetzen oder gar als Ersatz für ein marodes Habitat, sei nun nicht gerade das vernünftigste Projekt und bestätige seine These der lokalen Ignoranz, wie er den „Naturfehler“ nun nennt. Also doch ein Irrläufer der Evolution? Nein, sagt Broom. Der Mensch tickt nun mal so. Wenn das Lokal voll ist, erobert er das nächste. Broom weiss natürlich auch, dass mit dem Projekt Weltraum viel Geld in der Gegenwart zu verdienen ist. Und der Vorwand, man arbeite ja schliesslich für die Zukunft der Nachgeborenen sei ja auch irgendwie plausibel und könne sogar mit dem Humanismuslabel verkauft werden. Nur fehle uns die Zeit, sagt der Pessimist Broom. Und ein Exodus im grossen Stil? Der Jude Broom witzelt an dieser Stelle: Der Mensch wird zunehmend zum Weltraumzionisten. Das gelobte Land ein karger seelenloser Planet unter einer Plastikhaube und Manna aus der Retorte oder Sabbath im Sauerstoffzelt.

Für Broom gibt es nicht die Vernunft, so wie es für Hegel nicht die Wahrheit gegeben hat. Die Vernunft des Einzelnen sieht sich der Vernunft des anderen gegenüber. Er sagt, vernünftiges Handeln ist ein zweckorientiertes Handeln im Habitat. Damit rüstet die Natur ein Lebewesen aus. Die Natur kennt keine Ethik, sie ist, wenn man so will, darwinistisch neutral. Broom bringt dann den Ameisenstaat ins Spiel, in dem die Soldaten zeugungsunfähig seien. Ihre Existenz verdanken diese dem Organismus Ameisenstaat, welcher das Individuum bilde und nicht das einzelne Exemplar. Wieder wähnen wir uns inmitten totalitärer Systeme. Broom aber verweist uns schnell in Schranken. Primaten sind nicht Ameisenstaat tauglich. Warum? Weil Primaten selber Individuen sind. Primaten hätten aber auch mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht das Altruismusgen der Ameisensoldaten, die sich für die Gattung oder besser das System opfern (mit den bekannten Ausnahmen). An dieser Stelle macht Broom den Unterschied deutlich: Gattung Staaten bildendes Insekt versus Staat. Die Bezeichnungen seien (wie logisch) anthropozentrischer Natur. Staat meint ein Gemeinwesen unter Individuen. Gattung ist eine Art, oder eine Art zu überleben als Gattung. Staatenbildende Insekten lassen keinen Analogieschluss zu. Die Strategie abzukupfern führe eben in den Totalitarismus. Darin sieht aber Broom nun ein Dilemma. Expansion oder strenges Regime, das sei momentan die unsägliche Situation, in der der Homo Sapiens und mit ihm notabene die ganze Biodiversität stecke. Denn der Exodus ins gelobte Land habe ja im Schlepptau auch noch Noah und Tiere und es werde ihm schon heute übel, wenn er daran denke, wie die Viecher das Sauerstoffzelt voll furzten.

Bietet Broom nun eine Lösung an? Er verweist vorerst auf ein Kinderbuch von Marcus Pfister.


In Mats und die Wundersteine geht es um Mäuse, die auf einer Insel leben. Mats findet auf der Insel einen leuchtenden Wunderstein, der Wärme und Licht spendet. Eine andere Maus sagt, dass der Stein der Insel gehört und ab diesem Punkt kann der Leser das Ende selbst entscheiden. Es gibt ein gutes und ein schlechtes Ende. Beim guten Ende wird eine Lösung gefunden, bei der alle Mäuse friedlich und glücklich mit der Insel in Einklang leben können, bei der schlechten Lösung wird Kindern erklärt, was bei zu viel Gier passieren kann.



Das Kinderbuch „Mats und die Wundersteine“ ist in den USA nicht gut angekommen. Die Amerikaner wollen keine zwei Enden einer Geschichte. Der Amerikaner will ein Happyend und wenn er keine Zähne mehr hat zum Beissen, dann erfindet er, der Mc Donalds der Geschichte, das Futter, das man ohne Zähne essen kann. Das sei die amerikanische Variante der praktischen Vernunft. Man könnte meinen, so Broom, der Amerikaner sei der Prototyp des lokalen Primaten und grösser könne der Widerspruch der Gattung nicht ausfallen, als im Amerikaner. Damit meine er nicht die „First Nations“, denn die seien weit höher entwickelt gewesen als die Weissen, die das Land erobert hätten. Die Weissen seien mit ihren Besitzansprüchen die eigentlichen Wilden. Die Amerikaner hätten mehr als alle anderen Exemplare der Spezies jenes unsägliche Gottgen in der Zirbeldrüse kultiviert, dagegen sei der Papst in Rom ein Waisenknabe. Das Gottgen sei pure Antipode zum Altruismusgen. Es zementiere den „Vorherrschaftsgedanken“. Es sei der wahre faschistoide Urgrund der Gattung. Gott sei das Schnürchen, mit dem das Rautenbündel zusammengebunden werde. In ihm sei die Überheblichkeit angelegt wie auf dem Butterbrot die Butter. Da Ideologien und Religionen aus dem Geisterreich stammten, so Broom, seien sie per se eher universalistisch und somit untauglich für Lebewesen, die sich am liebsten im eigenen Dreck suhlten. Das Nebeneinander der Religionen sei zudem, wie man hinlänglich erfahren habe, nicht gerade friedensstiftender Natur. Broom streicht auch hier den lokalen Charakter des Religiösen heraus. Religionen entstehen vorerst lokal aus lokalen Bedürfnissen.

Die lokalen Götter sollen bei diesem und jenem helfen. So bitten die einen um Wasser, und die andern wollen nicht in den Fluten ersaufen. So erfand man Regengötter, und wo keine Wüste vorhanden und keine Sandstürme zu erwarten seien, gäbe es auch keinen Gott des Sandes, etc.

Der Monotheismus, der über allem throne, beinhalte aber so etwas wie eine kommunistische Internationale, so Broom. Diese sei trotz ihrer Interoperabilität lokal nur schwer zu ertragen, obschon der Monotheismus ausschliesslich für ein Volk erfunden wurde. Der absolute Gott komme ihm vor wie ein Waschautomat mit tausend unnötigen Programmen, die keiner mehr verstehe, der einfach waschen wolle. Ein Gott, der sein Volk auserwähle, sei ein lokaler und verwirke so seinen Allmachtsanspruch. Als Exportvariante hätte man den universellen Gott unkenntlich machen müssen, um ihn im anderweitigen lokalen Umzug wieder auf einer Sänfte herumtragen zu können. Das Bilderverbot habe mehr Bilder erzeugt, als der Götzenkult je hervorgebracht habe. Im Bilderverbot sei pro Individuum mindestens ein Bild aufgehoben. Die Religionskonflikte unter den Weltreligionen nennt Broom Prophetenschabernack. Es gebe nur einen Dämon und das sei der Dämon der metaphysischen Offenbarungen. An anderer Stelle bezeichnet er diese Offenbarungen als Gelabber psychotischer Anmassung.

Ein zentrales Kapitel in dem Buch ist der Digitalisierung und der Wissenschaft und Technologie gewidmet. Auch hier ist Brooms These die, der Wissenschaftler und die Universitäten seien zwar global vernetzt und lebten eine Kultur des Austausches. Dies nur insofern, als dass es sich um den Anspruch der Spezies handle, Wissen und Wahrheit (Verifikation/Falsifikation) als humanistisches Ideal herzustellen. Dies schulde der Mensch, könnte man sagen, der reinen Vernunft. In der Praxis falle Wissenschaft aber unmittelbar dem lokalen Primatendenken zum Opfer. Standortvorteile und der militärisch industrielle Komplex griffen sofort nach allem, was vereinnahmt werden könne. Der Pöbel sei ja locker mit einer leeren Teflonpfanne abzuspeisen. Das ganze Ausmass der Digitalisierung liege noch arg im Dunkeln. Längst habe sich eine Schattenwelt der Daten und Algorithmen wie ein Korsett über den Humanismus gestülpt und verwandle diesen in einen Digitalismus, dessen Folgen noch schwer absehbar seien. Die Massen blieben auf der Strecke. Zugang zum partiellen Wissen hätten längst nur noch wenige. So lange das Handy funktioniere, sei für diese alles im grünen Bereich. Doch erste Anzeichen würden sich mehren, dass die Strasse in die Revolte ginge. Diese Revolte richte sich aber gegen eine Chimäre und sei ein Raunen der Selbstüberschätzung. Das, was da an Elite detektiert würde, sei mitunter nicht das Hauptproblem und könne etwas viel Schädlicheres heraufbeschwören, nämlich den Volkstribun, den Populisten als Schutzschild. Broom nennt ihn den Parasit und seine Entourage die Profiteure, ein durch Personenkult aufgeblasener Idiot, der sich Kraft der Massenverblödung am "Volkskörper" festgefressen habe. Bewusst perpetuiert Broom den Nazijargon. Dem Pöbelstaat gingen schnell mal die Intellektuellen verlustig. Entweder sie würden eingesperrt oder vertrieben oder sie würden sich opportunistisch einem Lügengebäude unterordnen. Dies habe zur Folge, dass der Lebensnerv getroffen würde. Der Totalitarismus trage die Tendenz in sich, sich selber und mit ihm den Rest der Welt zu massakrieren. Noch unter den „idealistischen“ Systemen links- und rechtshegelianischer Prägung sei es etwas anders gewesen. Da sei es noch möglich gewesen, die Wissenschaft zu instrumentalisieren respektive zu ideologisieren. Das glaubte man in der Postmoderne hinter sich gelassen zu haben. Weit gefehlt, man sei auf gutem Wege, die Geisteselite wieder auf Kurs zu bringen und den Stand vor 1945 wieder herzustellen, poltert Broom, und dies sei nicht mehr mit einer Ideologie, sondern mit dem Futterkrippenmonopol und einem horrenden Lügengebäude zu erreichen.


Broom polemisiert bis zum Geht-nicht-mehr. Er macht auch nicht halt vor der Popkultur. Wie einst Adorno geisselt er Songs wie „We are the World“ als baren Kitsch, der sich einen Deut um die Welt schere, denn jede/r dieser Protagonisten hätte den ökologischen Fussabdruck eines Yeti. Ihnen attestiert er alles andere, als eine taugliche Vorbildfunktion. Dabei macht er auch vor den Bankern, Managern, Spitzensportlern und Künstlern nicht halt. Ihr durch die Dummheit des Systems gescheffelter Reichtum nähre die Nachahmer mit der Ideologie des billigen Pomps und des grenzenlosen Verbrauchs von Ressourcen. Das einzige Paradies, das je existiert habe, sei das Steuerparadies. Auf riesigen Kreuzfahrtschiffen würde als Ersatz für echte Paradiese eine verblödete Masse durch die maroden Weltmeere kutschiert und er, Broom, würde den Moment ja nicht mehr erleben, in dem man die Insulaner abgesoffener Inseln auf den Havarien dieser schwimmenden Städte kultivieren würde. Slum(s)liner nennt er diese. Waterworld lasse grüssen. Symphonie heisst das grösste 9000 Personen fassende Kreuzfahrtmonster der Royal Carribean. "Alle Menschen werden Brüder" spottet Broom. Das Buch ist voller solcher Kassandra- und Unkenrufe und strotzt von abgrundtiefer Hoffnungslosigkeit. Bis am Schluss weiss man nicht, ob er aufrütteln will durch Provokation, oder ob er selber jede Hoffnung oder gar den Verstand verloren hat.

Er sagt von sich selber: Ich bin kein Populist, denn Populisten gäben vor, ein Volk zu retten. Ich bin ein Mephisto ante portas, ein Teil von jener Kraft, die weder das Böse will noch das Gute schafft. Brooms Ansage ist klar. Die Rettung könne zwar gedacht werden, ob sie jedoch eintreffe, sei nicht in den Möglichkeiten des Denkers oder des Schriftstellers angelegt. Er, Broom, bleibe leider ein Pessimist, was das biologische Programm seiner Spezies angehe, denn wenn schon ein Kinderbuch mit Wahlausgang auf dem Index lande, so sei längst Matthäi am Letzten. Brooms Fazit: Die Wahrscheinlichkeit, dass das gut ausgeht, ist gering und nur mit enormen Restriktionen zu erreichen. Diese wiederum trügen kein friedliches Potential in sich und wären wohl nur mit den üblichen Methoden der Spezies und ihren pervertierten Alphatieren zu absolvieren.

Spätestens wer dieser Tage den US Präsidenten Trump mit seiner Rede vor der National Rifle Association gehört hat sollte wissen, von was Broom spricht. Das genetische Programm der Lokalität dümple im Primatengehirn des Präsidenten wie ein Fettauge auf der Klossbrühe. Seine Nation werde so zu einem Einzeller. Sie muss, so Trump, allen anderen voran gross sein. Gerade das sei aber im Einzeller nicht angelegt. Die Nation würde als Fiktion einer grossen Familienstube verkauft, die es mit der Waffe in der Hand zu verteidigen gelte. Nationalismus sei die primitivste Hervorbringung des lokalen Charakters einer Spezies, die sich weigere davon Gebrauch zu machen, über ihre Nasenspitze hinaus zu schauen. Der Mensch sei ein Dorfbewohner geblieben, sagt Broom, und der Globus könne trotz all der McLuhan Postillen nicht zum Dorf gemacht werden, denn das „eigentliche Dorf“ sei biologisch lokal „in den Köpfen zurückgeblieben“ und nicht elektronisch universell geworden, sonst könnte man seine Bewohner zum Überleben programmieren. Nirgendwo sehe man das Lokale besser als auf Facebook.